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Zäsur der Stadtgeschichte: die Bombennacht in Kassel am 22. Oktober 1943

Als "eine schreckliche Zäsur in der Geschichte unserer Stadt", bezeichnet Oberbürgermeister Bertram Hilgen die Bombennacht in Kassel am 22. Oktober 1943. Alliierte Fliegerverbände warfen binnen eineinhalb Stunden etwa 400.000 Stabbrandbomben ab. Sie zerstörten rund 80 Prozent der Gebäude, darunter fast die gesamte Altstadt. Nach Schätzungen starben bis zu 10.000 Menschen bei diesem Angriff.

Blick über die zerstörte Altstadt mit Martinskirche und Druselturm Richtung Bettenhausen.; © Stadt Kassel; Foto: Stadtarchiv
Das zerstörte Zentrum Kassels, das früher als eine der schönsten Fachwerkstädte Deutschlands galt.


Ereignis apokalyptischen Ausmaßes - über 400.000 Brandbomben entfachten Feuersturm

Es war ein Ereignis geradezu apokalyptischen Ausmaßes, das Kassel im Zweiten Weltkrieg heimsuchte: das Flächenbombardement vom 22. Oktober 1943. Um 20.17 Uhr warnten die Sirenen die rund 225000 Menschen in der Stadt, nur wenige Minuten später griffen die alliierten Fliegerverbände an. Binnen eineinhalb Stunden warfen etwa 500 Flugzeuge mehr als 400.000 Brandbomben ab -  das waren in bestimmen Arealen der Altstadt  zwei pro Quadratmeter. Der riesige nächtliche Feuerschein war noch aus über 50 Kilometer Entfernung  zu sehen.. In den Überresten brannte es noch tagelang.

Kassel war nach diesem Angriff nicht mehr dieselbe Stadt: 85 Prozent der Wohnungen und 65 Prozent der Industrieanlagen waren zerstört. In der mittelalterlichen Altstadt war ein Feuersturm entfacht worden, der 97 Prozent der größtenteils aus Fachwerk bestehenden Häuser vernichtete. Die Opferzahlen wurden mit bis zu 10.000 Toten angegeben, hinzu kamen unzählige Verletzte.Das Ausmaß des körperlichen und seelischen Leides in jener Bombennacht sei aus heutiger Sicht unvorstellbar, sagt Oberbürgermeister Hilgen. Fast jeder, der die Bombardierung überlebte, habe Angehörige oder Freunde verloren. Für einen Großteil der Einwohnerinnen und Einwohner hätten die Bomben zudem nichts mehr übrig gelassen vom einstigen Hab und Gut. „Die Stadt war ein Trümmerhaufen und vieles, was die Menschen an Kassel liebten, nicht mehr da.“


Kassel als Rüstungsstandort besonders im Visier

Allgemein verfolgten die Alliierten mit den Bombardierungen deutscher Städte das Ziel, über die Luftstreitkräfte den Gegner auf dessen Boden zu treffen -  das nationalsozialistische Deutschland, das den Krieg ausgelöst hatte und dessen Armeen insbesondere Osteuropa verheerten. Außerdem übten die Briten Vergeltung für die besonders in den Anfangszeiten des Krieges erfolgten Zerstörungen englischer Städte wie London, Birmingham und Coventry durch deutsche Fliegerstaffeln. Die Bilanz des Bombenkrieges führt insgesamt rund 600.000 Tote in Deutschland und 60.000 in Großbritannien auf. 160.000 alliierte Flieger verloren im Einsatz ihr Leben (Quelle: Jürgen Brüns, NDR.de, "Bombenkrieg: Der Tod kommt ins Hinterland", 2008).

Brennende Fachwerkhäuser; © Stadt Kassel/Foto: Stadtarchiv Die Flammen des Feuersturms waren noch in 50 Kilometer Entfernung zu sehen.

Ruinen der alten Bebauung; © Stadt Kassel; Foto: Stadtarchiv Bild von der Schönen Aussicht über die Karlskirche Richtung Opern- und Friedrichsplatz.

Besonders Im Fadenkreuz der alliierten Luftangriffe war Kassel vor allem wegen seiner Bedeutung als Rüstungszentrum. Die Firma Henschel & Sohn im Stadtteil Nord-Holland produziertehohe Stückzahlen an Lokomotiven (BR 52), Panzern („Tiger") und Lastwagen. An anderen Stellen der Stadt war der Flugzeugbau stark vertreten. Der 22. Oktober 1943 war der gewaltigste von insgesamt 40 Bombenangriffen, die rund 6700 Flugzeuge zwischen 1940 und 1945 auf Kassel flogen. Die von Ihnen hinterlassenden Zerstörungen waren so tiefgreifend, dass die Stadt lange brauchte, um ihre Funktionalität und Lebensqualität wiederzuerlangen. Ein Indiz dafür ist die Einwohnerzahl, die vor dem Zweiten Weltkrieg über 200.000 betragen hatte, Anfang 1946 dann bei 116.000 lag und sich nur langsam erholte. Den Vorkriegsstand erreichte Kassel erst Ende der 50-er Jahre wieder.


Traumatische Erlebnisse, aber auch Zeichen der Hoffnung

Ihre teilweise traumatischen Erlebnisse in der Bombennacht und danach haben viele Menschen nicht losgelassen. Manchem erging es bei der Rückkehr wie Hans Germandi: Als der damals junge Soldat - heute als Kasseler Historiker bekannt - kurz nach der Bombennacht nach Kassel kam, fand er dort, wo sein Elternhaus gestanden hatte, nur Trümmer und einen Balken mit drei Worten: „Familie Germandi tot“. Manchen Begebenheiten gaben den  Menschen aber auch Kraft: So wurde das berühmte Kasseler Friedrichsgymnasium - dort gingen unter anderem die Brüder Grimm zur Schule – zwar fast vollständig zerstört, aber das Portal mit zwei Statuen blieb erhalten. Sie verkörperten das alte christliche Lebensmotto  „Ora et labora“ - bete und arbeite. Fast unbeschadet erhob sich auch der Lutherkirchturm über die Trümmer der Stadt und wurde ein Symbol der Hoffnung. Am Morgen nach der Bombennacht traf sich dort eine kleine Gruppe unter der Leitung des damaligen Pfarrers Preger zu einer Andacht zur Liedstrophe „Morgenglanz der Ewigkeit“.

Trümmerlandschaft; © Stadt Kassel; Foto: Stadtarchiv Weg durch eine Trümmerwüste.

Menschen mit Hausrat auf der Straße; © Stadt Kassel; Foto: Stadtarchiv Vielen blieb nur wenig vom Hab und Gut.


Wiederaufbau im Zeichen der Moderne

Bedeutsam war auch der Verlust früherer Identitäten durch die Zerstörungen. Das Kasseler Lebensgefühl, das in der früheren engen Altstadt noch im Bild vom "Ahlen Nest" (Altes Nest) kulminiert war, ließ sich zunächst kaum noch nachempfinden. Im Vergleich zu anderen betroffenen Städten gab es in Kassel wenige Restaurierungen historischer Gebäude. Das Orangerieschloss in der spätbarocken Karlsaue wurde beispielsweise erst 1981 wiederhergestellt. Der öffentliche Wiederaufbau verpflichtete sich statt dessen bewusst der Moderne, was bis heute in Gebäuden mit beispielhafter 50er-Jahre-Architektur wie dem Staatstheater sichtbar wird. Als Teil einer neuen Identität hat sich eine andere Idee der 50er erwiesen: die documenta als weltweit bedeutendste Ausstellung moderner Kunst. Zur Wahrheit der Bombennacht gehört abschließend, dass der Ausgangspunkt der größten Zerstörung in der Geschichte Kassels in Deutschland selbst lag. Es waren der Nationalsozialismus und der von Deutschland ausgelöste Zweite Weltkrieg, die die Bombennacht erst möglich gemacht haben. Seiner historischen Mitverantwortung bewusst, habe Kassel aus der bitteren Vergangenheit Lehren gezogen, betont der Oberbürgermeister: " In Kassel wird deshalb heute ganz bewusst eine stadtgesellschaftliche Kultur der Toleranz und des solidarischen Miteinanders gelebt. Es ist breiter gesellschaftlicher Konsens, dass jedwede Form von Intoleranz keinen Raum haben darf."

Stadtplan von 1929; © HNA Per Klick gelangen Sie zu Einzelfotos.

Das alte Kassel in Ansichten von 1929

Kassel galt bis zu seiner Zerstörung im Zweiten Weltkrieg als eine der schönsten Fachwerkstädte Deutschlands.
Die Karte (Quelle: HNA) zeigt das Stadtbild von 1929. Klicken Sie auf das Bild oder auf den unten stehenden Link und gelangen Sie zur interaktiven Karte mit vielen historischen Fotos (zum Vergrößern bitte Einzelbild anklicken ).

Veröffentlicht am:   29. 07. 2016  

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